Besuch aus Polen in der Maschstraße

Von Dieter Schäfer

Braunschweiger Realschule und Gymnasium aus Breslau haben mit dem Schüleraustausch begonnen

Ein Jahr vor dem Eintritt Polens in die Europäische Union hat die Realschule Maschstraße Besuch aus Polen: Mit dem Gymnasium 27 in Breslau ist ein Schüleraustausch vereinbart worden. Zwölf Pennäler des Gymnasiums 27 wollen die Deutschen und ihren Alltag hautnah erleben. Gestern begrüßte Bürgermeisterin Friederike Harlfinger die Gäste im Rathaus.

„Wie wollen den Kontakt Polens zu Deutschland vertiefen“, erläutert Deutschlehrerin Krystina Urbas den Besuch der 14- bis 16-Jährigen. „Wir gehören schon bald zum Vereinten Europa. Kontakte sollte es nicht nur im politischen oder wirtschaftlichen Bereich geben. Auch die Menschen sollten zueinander kommen.“

Ihren Besuch im Sommer vorigen Jahres in Wolfenbüttel hatte die Pädagogin genutzt: Sie sprach eine Mitarbeiterin der Bezirksregierung an und fragte nach einer Schule, die Interesse an einer Partnerschaft mit ihrem Gymnasium habe.

Gerhard Wolf, Leiter der Realschule Maschstraße, reagierte sofort: „Wir sind interessiert. Nicht nur aus geschichtlichen Gründen, sondern insbesondere im Rahmen des Zusammenwachsens Europas ist der Schüleraustausch wichtig.“

Ein Befürworter von Schüleraustausche ist auch der Direktor des polnischen Gymnasiums, Alicja Sawicz. „Offenheit ist heute eine Notwendigkeit“, versichert er. „Ein Schüleraustausch bedeutet eine gute Chance für die Zukunft junger Menschen.“ Durch die Zusammenarbeit zwischen den Lehrern entstehe eine kreative Einstellung zur Bildung.

Wenig später vereinbarten beide Schulen die Visite. Die Gymnasiasten und ihre Lehrerinnen gingen auf die 620 Kilometer lange Bustour von Breslau nach Braunschweig.

Um den Schüleraustausch nicht ausschließlich vom Geldbeutel der Eltern abhängig zu machen, wird die Reise vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk zum großen Teil mitfinanziert. „Leider wussten wir von diesem Zuschuss bisher nichts“, bedauert Krystina Urbas. Sonst wären mindestens 40 Schüler mitgefahren. „Das Geld der Eltern hat leider nur für einen kleinen Bus gelangt.“

In Braunschweig erleben die jungen Polen deutsches Familienleben hautnah. Sie wohnen in Familien der Realschüler. Auch die deutschen Schüler waren schon lange gespannt auf die Besucher. „Das ist auch eine gute Gelegenheit, gegenseitig Vorurteile anzubauen“, sind sich Braunschweiger und Polen einig.

Der Kontakt zwischen den Jugendlichen klappt. „Die Polen haben seit mehreren Jahren Deutschunterricht“, berichtet Realschullehrerin Eva-Maria Ahlers-Görlach. „Und wenn’s mit der Verständigung mal nicht so recht klappt, wird auf Englisch ausgewichen.“ In polnischen Schulen habe Deutsch als Fremdsprache einen hohen Stellenwert, sagt Krystina Urbas. Sehr viele Schüler paukten Vokabeln und Grammatik der Sprache ihres Nachbarn.

Die Polen haben volles Programm: Außer einer Führung durch Braunschweig besuchen sie den Landtag in Hannover und das Regenwaldhaus. Darüber hinaus besichtigen sie die Brauerei Feldschlößchen und das Naturhistorische Museum, und sie gehen gemeinsam ins Kino.

Beeindruckt waren Deutsche und Polen beim Besuch der Gedenkstätte an der Schillstraße (ehemaliges Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme). „Alle Jungen und Mädchen waren plötzlich ganz still“, berichten Eva-Maria Ahlers-Görlach und Krystina Urbas.

Wenn sich Realschüler und Gymnasiasten im Mai in Breslau wiedersehen, steht auch ein Besuch der Stadt Krakau auf ihrem Programm. Spontan entschlossen sich Lehrer und Schüler in der Gedenkstätte zu einem Abstecher nach Auschwitz. Die Stätte des Grauens liegt nicht weit von Krakau entfernt.

Braunschweiger Zeitung, 06.02.2003

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