David Salz: einziger Überlebender seiner Familie

 

Von Petra Sandhagen

Der Weg in die Pause fällt den Neuntklässlern schwerer als sonst. Statt die Treppenstufen von der Aula der Realschule Maschstraße auf den Hof hinunterzulärmen, schleichen die Jugendlichen, unterhalten sich zu zweit, zu dritt. Lautes Lachen bleibt vielen im Halse stecken. Genau 60 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erzählt David Salz von seinen Erlebnissen damals.

Ausdrücklich fordert er die Mädchen und Jungen auf, Fragen zu stellen. „Schaut euch nicht betreten an, sondern fragt“, bittet der 75-Jährige sanft und doch nachdrücklich. Dennoch fällt es den Schülern schwer. Zögernd wollen sie wissen, was er erlebt hat und wie er nach dem Schrecken Kraft gefunden hat, weiter zu leben.

David Salz erzählt seine Geschichte, und die Zuhörer lauschen mucksmäuschenstill. Aufrecht sitzt Salz an seinem Pult. Seine Hände ruhen auf dem Tisch. Offen schaut er die Jugendlichen an. Er spricht in schlichten Sätzen, die eindringlich wirken. Geboren ist er 1929 in Berlin. Sein Vater wird 1936 verhaftet und Heiligabend 1939 erschossen.

Auch seine Mutter wird verhaftet; um zu ihr zu gelangen, stellt sich der 13-Jährige der Gestapo. „Mit dem 36.Transport kam ich nach Auschwitz.“ Er erinnert sich an die Ankunft an der Rampe. „Ahnungslos befand ich mich im Vorfeld der größten Massenmordmaschine, die es gab.“ Seine Mutter ist zu diesem Zeitpunkt bereits vergast worden.

Als er an der Reihe ist, schwindelt er. David Salz behauptet, 17 Jahre alt zu sein und von Beruf Elektriker. „Wie mir der Einfall kam, weiß ich nicht.“ Er zeigt die Nummer, die ihm tätowiert wurde. Noch immer ist sie deutlich auf dem Unterarm zu sehen.

Wenige Tage vor der Befreiung wird Salz am 18.Januar 1945 auf den Todesmarsch geschickt. Er kommt in ein Lager bei Nordhausen, auf der Fahrt im Kohlenwaggon ist Schnee sein Essen. Bei einem Bombenangriff kurz vor Kriegsende flieht er in den Wald. Damals ist er 15 Jahre alt, so alt wie seine Zuhörer in der Schulaula.

David Salz überlebt als einziger seiner Familie. Er geht nach Israel und wird dort Elektriker, „weil mir das Wort das Leben gerettet hat“. Rita Weiler von der Jugenddorf-Christophorusschule und Eva-Maria Ahlers-Görlach von der Realschule Maschstraße haben den Überlebenden des Holocausts eingeladen. An beiden Schulen hat er mit Schülern gesprochen- und Spuren hinterlassen.

„Er hat sehr anschaulich seine Erlebnisse geschildert“, sagt Lisa Schade(14). Sina Gellert (15) stimmt ihr zu. „Er hat es genau beschrieben, so dass man es sich vorstellen kann.“ Beide sind sich einig, dass solche Tage der Erinnerung wichtig sind. „Das muss im Gedenken bleiben.“

Braunschweiger Zeitung, 28.01.2005

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