Die Augen öffnen für die Konsequenzen

Von Ann Claire Richter

Planspiel Gewalt der Polizei: Fünftklässer empfinden einen fiktiven Fall an authentischen Orten nach

„Du bist jetzt für zwei Jahre im Polizei-Computer registriert, und wenn Du so etwas noch einmal tust, nehmen wir Deine Fingerabdrücke und machen Fotos von Dir. Also: hüte Dich!“ Liane Jäger mahnt mit strenger Stimme, und die Botschaft scheint bei Lukas angekommen zu sein. Der 13-Jährige sitzt hochkonzentriert auf dem Sünderstuhl vor der Polizistin und hört sich ihre Moralpredigt mit gesenktem Kopf an.

Ein Spiel nur, aber eines, das Wirkung zeigt. Zum zweiten Mal hat die Polizei eine Schule eingeladen beim Planspiel Gewalt mitzumachen. Die Kinder sollen an authentischen Orten einen fiktiven Fall nachempfinden – und die Konsequenzen gewalttätigen Tuns vor Augen geführt bekommen.

Lando spielt Lukas und spielt ihn gut: Er zeigt Reue und Einsicht. In seiner Klasse, der 5b der Realschule Maschstraße, war Lukas` Geschichte vorher einstudiert worden: Ein Junge, der von einem anderen – hier Kevin genannt – mehr als einmal mit dem Schimpfwort „Hurensohn“ bedacht worden war. Bis es Lukas schließlich reichte und er mehr als verbal zurückschlug: mit einem Fausthieb ins Gesicht. Nasenbeinbruch!

Morgens, kurz vor der Anhörung bei der Polizei, hatte sich Lukas bei der Öffentlichen Versicherung schon sagen lassen müssen, dass er beziehungsweise seine Eltern für die Krankenhauskosten von Kevin (etwa 1000 Euro) aufkommen müssten. „Ich versteh´ schon, dass du dich geärgert hast über dieses böse Schimpfwort.“ Polizistin Jäger zeigt Verständnis. Doch dann spricht sie vom Schmerz und der Angst des Opfers. Sie hält Lukas ein Foto vor. Ein Kind am Boden, sichtlich erschüttert.

Landos Mitschüler hängen ebenso an den Lippen der Polizistin wie der 13-Jährige auf dem Sünderstuhl. Kein Mucks ist zu hören, als Liane Jäger aufzeigt, was im Wiederholungsfall durchaus passieren könnte: Unterbringung in einer Pflegefamilie oder im Heim. „Auch wenn du noch nicht strafmündig bist, ist das kein Freibrief.“ Lukas wird von der Polizistin entlassen mit dem Auftrag, sich bei Kevin zu entschuldigen und seinen Eltern alles zu erzählen. Die Anhörung ist nach etwa einer halben Stunde beendet und Lando sichtlich erlöst. Die anderen fallen über ihn her und meckern: „Du hast Lukas` Familiengeschichte ganz anders erzählt als abgesprochen!“ Aus einer fiktiven Schwester hatte er einen Bruder gemacht und auch das Taschengeld von 15 auf 10 Euro herabgesetzt.

Nun zum Bus und zurück in die Schule. Dort warten Jessika (17) und Sandra (16), zwei Konfliktlotsen an der Realschule, die die beiden Streithähne wieder zusammenführen sollen. Den beiden Mädchen wird nicht ganz so viel Respekt entgegengebracht wie der Polizistin – auch wenn diese gar nicht in Uniform war. Doch die Schlichterinnen können sich im allgemeinen Gekicher schließlich Gehör verschaffen, und Lukas entschuldigt sich endlich bei Kevin. „Die könnten jetzt `ne Friedenspfeife rauchen“, ulkt ein Mitschüler.

Im großen Kreis ist Abschlussbesprechung. Da sind dann auch Gabriele Butte und Ralf Metschulat dabei, die Organisatoren der Polizeiaktion. Nun erfahren Lukas und seine Truppe auch, was die anderen aus der Klasse 5b an diesem Vormittag erlebt haben. Eine Gruppe hat den Fall „Hassan“ (räuberische Erpressung) durchgespielt: Erst bei der Versicherung, dann bei der Polizei, schließlich auf dem Jugendamt. Eine Mädchengruppe war als Opfer „Tatjana“ unterwegs und besuchte dabei auch die Erziehungsberatungsstelle in der Jasperallee.

Lando berichtet, wie er sich auf dem Sünderstühlchen vor Polizistin Liane Jäger gefühlt hat: „Ich hab mit vorgestellt, wie es wäre, wenn ich in echt dort gesessen hätte. Schön war das nicht!“

Braunschweiger Zeitung, 24.02.2006

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