Stolpersteine – Es sind Steine wider das Vergessen

Von Harald Duin

Ihre Namen auf Messing – Der Kölner Bildhauer Guntert Demnig verlegte elf Stolpersteine

Der Bildhauer Gunter Demnig verlegt in ganz Deutschland „Stolpersteine“ mit Messinghauben, auf denen Namen von jüdischen Bürgern stehen, die von den Nazis verfolgt wurden. Gestern verlegte er die ersten Steine in Braunschweig.

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Gestern, 10.30 Uhr, Kohlmarkt, Ecke Friedrich-Willhelm- Straße. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig lässt vier Stolpersteine in das Pflaster ein. Schneeregen. Scheußliches Wetter. Gleichwohl sind viele gekommen, sehen zu, wie Demnig die Stolpersteine im Format 10 mal 10 Zentimeter akkurat einpasst. Die vier Steine haben glänzende Messinghauben. Mit vier Namen, die Gunter Demnig in seinem Kölner Atelier eingravierte.

Es sind die Namen von Nuchim Festberg, seiner Frau Erna- Ella Festberg und ihren Kindern Paula und Alfred. Sie haben für einige Jahre in der Friedrich-Willhelm-Straße 1 gewohnt.

Die Eltern wurden im Ghetto Warschau ermordet. Die Kinder haben überlebt, weil sie rechtzeitig Deutschland verließen. Nuchim Festberg führte zusammen mit seinem Geschäftpartner Salomon Nadler am Altstadtmarkt die Manufakturwarenhandlung N. Festberg.

Das ist die Hauptidee Demnigs. Er will die Opfer des Nationalsozialismus aus ihrer Anonymität herausreißen: „Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen wird.“

Es ist sein Projekt. Und deshalb graviert er jeden Stolperstein selbst, ist bei jeder Verlegung dabei. Vor Braunschweig verlegte er Stolpersteine in Düren, Salm und Soest. In Braunschweig fügt er elf Steine an insgesamt drei Orten ein: An der Steinstraße in Höhe des Parkhauses, am Altstadtmarkt und am Kohlmarkt. Alle elf Steine wurden übrigens von einem Braunschweiger Privatmann gestiftet.

Sigrid Bauer, Vorsitzende des Braunschweiger Vereins „Stolpersteine“, möchte, dass noch mehr Messinghauben die Namen jüdischer Bürger tragen. Aber Demnig, rastlos in dieser Sache in Deutschland unterwegs, kann erst Ende dieses Jahres nach Braunschweig zurückkehren. Bis dahin soll die Finanzierung weiterer Stolpersteine gesichert werden.

Etwa 1200 Juden lebten vor der Zeit des Nationalsozialismus in Braunschweig . 1938 waren es 638, davon wurden die meisten im KZ ermordet. Gunter Demnig sagt ausdrücklich „ermordet“ und nicht „kamen um“, wie ihm vorgeschlagen wurde.

Am Abend zuvor, im Städtischen Museum, erklärt Demnig sein Langzeitprojekt, er spricht von einem „dezentralen Denkmal, das von Bürgern geschaffen wird“. Braunschweig ist in Niedersachsen die 13. Stadt, in der Stolpersteine verlegt werden sollen. Dabei sind auch die Lehrerinnen Rita Weiler (Christophorusschule) und Eva-Maria Ahlers-Görlach (Realschule Maschstraße). Ihre Schülergruppen haben in akribischer Arbeit versucht, alles über jene jüdischen Bürger herauszufinden, die auf den elf Stolpersteinen stehen.

Interview mit Gunter Demnig

„In diesem Haus haben sie also gewohnt“

Wann haben Sie die ersten Stolpersteine verlegt?

Das war 1995 in Köln. Die Steine habe ich damals ohne behördliche Genehmigung verlegt. Der Pfarrer der Antoniterkirche in Köln hat mir Mut gemacht. Die Idee hatte ich schon Anfang der 90er Jahre. Ich habe schon immer ein gewisses Unbehagen an monumentalen Gedenkstätten in Deutschland gehabt.

Wie viele Stolpersteine haben Sie inzwischen verlegt?

Es sind bisher 7500 in insgesamt 135 deutschen Städten.

Hat es bei der Verlegung der Stolpersteine auch Widerstände gegeben?

In Köln hat ein Hausbesitzer geklagt. Mit dem Argument, sein Grundstück verliere durch das Verlegen von Stolpersteinen 100 000 Mark an Wert. Damit ist er aber vor Gericht nicht durchgekommen. Es gab auch in Berlin anfängliche Schwierigkeiten. In München sagte man: ,Brauchen wir nicht´. Aber ich habe immer wieder auch alle Unterstützung erfahren, z.B. in Hamburg. Ein Passant sagte einmal: ,Was soll das 60 Jahre nach dem Krieg?´. Dem habe ich geantwortet: ,Was, und vor 30 Jahren wären Sie also dafür gewesen?´. Der Mann hat sich wortlos umgedreht. In Braunschweig hat mich die Stadt in jeder Hinsicht unterstützt.

Weshalb Stolpersteine und keine Gedenktafeln?

Nach meiner Überzeugung würden 90 Prozent der Eigentümer eine Gedenktafel an ihren Hausfassaden verweigern.

Was auffällt: In vielen Städten wie in Braunschweig bilden im Rahmen Ihrer Aktion Schüler Projektgruppen.

Das stimmt. Ich bin ja von Lehrern gewarnt worden: ,Den Schülern steht das Nazi-Thema bis hier´. Aber das Engagement der Schüler steigt sofort, wenn sie Familiengeschichten vor Ort aufarbeiten können und erkennen: ,Ach ja, in diesem Haus haben sie also gewohnt.´.

Braunschweiger Zeitung, 10.03.2006

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