Schicksale emigrierter jüdischer Bürger

Von Harald Duin

Elisabeth Gärtner lebte mit ihrer Familie von 1930 bis 1938 in Braunschweig – Realschüler schrieben ihr Leben auf

„Letzter Ausweg -Exil“. Titel einer Schülerrecherche über die jüdische Familie Gärtner in Braunschweig. Die Klasse 10b der Realschule Maschstraße und ihre Klassenlehrerin Eva-Maria Ahlers-Görlach nahmen Kontakt auf mit der heute in den USA lebenden Elisabeth Gärtner. Diese hatte von 1930 an acht Jahre in Braunschweig gelebt.

Elisabeth Gärtner half den Schülern, wo sie nur konnte. Und sie schickte Bilder von sich und den anderen aus ihrer Familie. Sie ist in den USA verheiratet mit Werner Schumann und trägt dessen Nachnahmen. Beide leben in Cabin John in der Nähe von Washington D. C.

Das Paar ist zurzeit in Braunschweig. Es ist dabei, wenn heute Abend in der Jüdischen Gemeinde die Biografien ihrer Familie und die zweier anderer jüdischen Familien aus Braunschweig vorgestellt werden (siehe Service). Sie wollen auch miterleben, wenn am Montag in der Steinstraße die „Stolpersteine“ mit den Namen der Familie Gärtner verlegt werden.

1933 Zeugin von Nazi-Übergriffen

Elisabeth Gärtner, gestern Abend zu Besuch bei dem Ehepaar Görlach, eilte ans Telefon, um der BZ zu helfen, die Personen auf den Fotos zu benennen. Ja, das als Mamsell verkleidete Mädchen auf dem Bild unten links ist sie. Gerade wollte sie damals mit ihrem Bruder Hans zu einem Kostümfest gehen. Ein Foto vor dem Gemeindehaus in der Steinstraße.

Am 13. Juni dieses Jahres erschien ein Artikel in der BZ mit der Überschrift „Ausgewanderte Jüdin sucht Braunschweiger Schulfreundin“. Daraufhin meldeten sich zwei Mitschülerinnen von Elisabeth Gärtner und ein Klassenkamerad von Hans. Alle gingen einmal in der Mittelschule Heydenstraße zur Schule. Erinnerungen Elisabeths an die acht Jahre in Braunschweig: Sie war vier Jahre, als ihr Vater Eugen Rabbiner in Braunschweig wurde und mit seiner Familie eine Wohnung im jüdischen Gemeindehaus bezog.

Elisabeth, die einzige Jüdin in der Mittelschule Heydenstraße, hatte zwei gute Freundinnen. Zum einen Suse Frank, deren Vater der Besitzer des Warenhauses Frank war, zum anderen Helga Künnemann, mit der sie die gleiche Klasse in der Schule Heydenstraße besuchte.

1933: Elisabeth wurde Zeugin von Übergriffen der Nationalsozialisten gegen prominente jüdische Bürger. Das Leben der Gärtners war eingeschränkt. Wie Elisabeth sich erinnert, durfte sie kein Fahrrad besitzen, Schwimmen wurde ihr untersagt, ebenso die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen. Während des Geschichtsunterrichts musste sie die Klasse verlassen. In den letzten Braunschweiger Jahren stand sie in beiden großen Pausen alleine auf dem Schulhof. weil der Kontakt zu anderen Mitschülern verboten war.

All dieses werden die Schüler der 10b heute Abend vortragen. Sie werden auch ein Foto aus der Braunschweiger Tageszeitung vom 24. Juli 1935 auf die Leinwand projizieren. Das Foto zeigt das Sportbad des Schwimmsportklubs Germania. An der Außentür das Schild „Juden unerwünscht“. Der Verein Germania hat übrigens als erstes der Braunschweiger Bäder den Besuch von Juden öffentlich abgelehnt. Elisabeth erinnert sich, wie einmal ein Junge auf der Straße sie beschimpfte: „Jude itzig, Nase spitzig, Ohren eckig, Arschloch dreckig.“ Einmal flog ein Mauerstein durch ihre Fensterscheibe, als sie schon im Bett lag.

Elisabeth schildert ihren Vater als einen freundlichen, mitfühlenden und gelehrten Menschen, auf den sie sehr stolz war. Einmal habe ihr Vater einem Bettler, der vor der Tür stand, einen teuren Anzug geschenkt. 1938 forderte der Chef der Braunschweiger Polizei ihn auf, zu einem bestimmten Termin anlässlich einer Reise Braunschweig für immer zu verlassen. Hieraus spreche, sagt Elisabeth Gärtner heute, eine allgemeine Hochachtung für den Landesrabbiner.

Die jüdische Gemeinde unterstützte die Auswanderung ihres Rabbiners mit 5000 Reichsmark. Außerdem bekam Eugen Gärtner von seinem Vetter Meno Lissauer in New York 1500 Reichsmark und aus einer Lebensversicherung 4000 Reichsmark. Eugen Gärtner, der viele Jahre in den USA am Leo-Baeck-Institut arbeitete, starb 1980 im Alter von 95 Jahren. Seine Frau Helene war schon 1959 gestorben. Tochter Elisabeth Gärtner heiratete 1955 in den USA einen Deutschen: Werner Schumann. Schumann war der Sohn eines Mitglieds der NSDAP und der SA. Tief erschüttert über die Nazibarbarei, wanderte er kurz nach dem Kriege aus.

Braunschweiger Zeitung, 20.11.2008

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