„Wir wurden mit Nummern angesprochen“

Ehemaliger Stasi-Gefangener schildert Umgang mit Häftlingen im Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen

„Wir wurden nicht wie Menschen, sondern wie Tiere behandelt!“ So beschrieb der ehemalige Stasi-Gefangene Matthias Melster die Art und Weise des Umgangs mit Häftlingen im Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen in Berlin.

Die bewegte Jugend: Matthias Melster, der 1968 in der DDR geboren wurde und seine Kindheit und Jugend in Ostberlin verbrachte, berichtete uns bewegend von seiner Zeit in der DDR.

Mit 14 Jahren wurde er das erste Mal gefangengenommen, weil er seiner Lehrerin erklärte, wie eine freie, demokratische Wahl funktioniert und dass es keine freien Wahlen in der DDR gäbe. Daraufhin wurde er für eine Stunde aus dem Unterricht heraus verhaftet.

Die Flucht: Als 20-Jähriger plante er seine Flucht mit einer Freundin, da beiden der Druck in der DDR zu groß wurde. Er bedauerte, dass ihm das Abitur verwehrt wurde und dass er deshalb nicht Medizin studieren konnte. Bei ihrem Fluchtversuch an der tschechisch-deutschen Grenze wurden sie verhaftet.Er setzte sich aktiv für Menschenrechte ein und geriet deshalb ständig in Konflikt mit der Stasi. Er war Mitglied einer Oppositionsgruppe, die ihre geheimen Treffen in einem ungenutzten Kirchenraum abhielt.

Psychische Folter im Stasi-Gefängnis: In einem getarnten Lieferwagen gelangten sie in die zentrale Untersuchungshaftanstalt des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) in Berlin- Hohenschönhausen. 32 Stunden dauerte sein erstes Verhör im Stasi-Gefängnis.

„Wir wurden mit Nummern und nicht mit Namen angesprochen“, sagte Melster. Fünf Monate lang wurde er im Gefängnis festgehalten. Er sollte Freunde aus der Oppositionsbewegung verraten.

Auf den Fluren traf er nie auf andere Häftlinge. Ampelanlagen teilten den Aufsehern mit, wann der Inhaftierte wieder in seine Zelle gebracht werden konnte, ohne einem anderen zu begegnen. Diese Isolationshaft sollte die Psyche des Häftlings zerstören.

Seine Zelle war spärlich eingerichtet, das Fenster war mit Glasbausteinen verbaut. „Wir durften tagsüber das Bett nicht berühren und mussten aufrecht auf einem Hocker sitzen“, berichtete er.

Matthias Melster litt unter Schlafentzug. Die Häftlinge durften nur auf dem Rücken liegen, die Arme mussten über Kreuz auf der Decke liegen. Sie sollten mit dem Gesicht zur Tür schlafen. Durch den Türspion wurde diese Schlafhaltung von den Wärtern regelmäßig kontrolliert. War sie nicht korrekt, wurde das Licht angestellt und man wurde geweckt. Sieben- bis achtmal pro Nacht war Matthias Melster wach.

Die Verhöre: Acht bis zehn Stunden musste er sich jeden Tag einem Verhör stellen. Drei Stasioffiziere, die psychologisch ausgebildet waren, versuchten ihn zum Reden zu bringen. Das Offiziersteam bestand aus dem guten, dem bösen und dem neutralen Offizier. Alle drei waren perfekt auf ihn abgestimmt. „Die Stasi fand heraus, dass mein Vater die wichtigste Person in meinem Leben war.“ Sie suchten einen Offizier aus, der genauso aussah und die gleichen Eigenschaften wie sein Vater hatte. Diesem Menschen erzählte er Dinge, die er eigentlich niemandem erzählen wollte. Er könne jedoch sagen, dass er niemanden ins Gefängnis gebracht habe.

Die Folgen der psychischen Folter: Nach der fünfmonatigen Stasihaft war er traumatisiert. Er war 10 Jahre lang in psychotherapeutischer Behandlung und meidet noch heute große Menschenansammlungen in Bussen oder engen Räumen.

Derzeit führt er Schüler- und Besuchergruppen durch das ehemalige Gefängnis, das hilft ihm bei der Verarbeitung dieses Lebensabschnitts. Weiterhin hilft ihm das Fotografieren bei der Verarbeitung seiner Hafterlebnisse.

Braunschweiger Zeitung, 18.03.2010

Von Schülerinnen und Schülern des WPK Deutsch Klasse 10, RS Maschstraße

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