Gegen Vergessen – für Demokratie Joachim Gauck

Als Joachim Gauck die Bühne der VW-Halle betrat, begrüßten ihn 6000 Zuhörer, meist SchülerInnen, begeistert mit einem riesigen Applaus. Er war gekommen, um über die Zeit zu berichten, als es noch DDR und BRD gab und die Mauer Diktatur von Demokratie trennte. Er wollte uns vermitteln, wie sich eine Diktatur, ausgegeben als vermeintliche Demokratie, wirklich anfühlt.

Er erzählte aus der Sicht eines kleinen Mädchens, welches er „Marie“ nannte. Wir sollten uns in die Rolle der kleinen Marie versetzen, um zu verstehen, wie das Leben in der DDR war. Er berichtete alles sehr genau, so dass es uns auch nicht schwer fiel, in die Rolle zu schlüpfen.

Maries Grundschulzeit
Er erzählte davon, wie sie eingeschult wurde, dass sie eine schöne Schultüte bekam wie alle anderen Kinder und dass sie ganz stolz in die Schule ging. Sie fühlte sich dort anscheinend sehr wohl und wusste gar nicht, dass sie nicht für das Leben ausgebildet wurde, sondern im Sinne der Ideologie der DDR funktionieren sollte.

In der vierten Klasse sollte sie Pionier werden, was sie sofort ihrer Mutter erzählte. Schließlich sollten alle Kinder Pioniere werden und Marie wollte das genauso. Ihre Mutter lehnte dies ab. Sie versuchte, Marie diesen Wunsch auszureden. Marie begann aber zu weinen und die Mutter gab nach. So wurde die kleine Marie also Pionier und fühlte sich bei allen anderen Kindern sehr wohl.

Später belauschte Marie ihre Mutter und ihre Oma während eines Gesprächs in der Küche. Sie machten einen Witz über Honecker. Diesen Witz erzählte Marie ganz stolz ihrer Lehrerin, welche wie die meisten anderen Lehrer überzeugtes Parteimitglied war. Sie meldete sich bei Maries Eltern, welche sofort leugneten, einen solchen Witz gemacht zu haben. Sie sagten, Marie habe wohl etwas falsch verstanden.

Maries Freund Paul
Später, als Marie älter wurde, hatte sie einen Freund. Diesen nannte Joachim Gauck „Paul“. Pauls Vater war Arzt und der wollte, dass Paul ebenfalls Arzt wird, damit er gut verdient und gut leben kann. Paul jedoch hatte seinen eigenen Plan, er wollte Rockstar werden. Dennoch absolvierte Paul sein Abitur und studierte Medizin. Als er in einer Klinik als Assistenzarzt von seinem Vorgesetzten persönlich gefragt wurde, ob er nicht in die Partei eintreten wolle, gab er die – für seine Karriere – falsche Antwort: „Ich hab noch nicht darüber nachgedacht. Aber ich glaube, ich bin noch nicht reif genug, um das zu entscheiden.“ Natürlich will niemand einem Arzt eine wichtige Aufgabe anvertrauen, der sich selbst nicht für reif hält.

„Falten gehen“
Joachim Gauck berichtete auch darüber, wie es war, wenn man in der DDR von seinem Wahlrecht Gebrauch machen wollte. Man nannte das Wählen auch „Falten gehen“, weil man lediglich den Stimmzettel mit den Namen der Kandidaten vor aller Augen zusammenfalten und in die Wahlurne stecken musste. War man mit der Liste der Nationalen Front nicht einverstanden, so konnte man in die Wahlkabine am Ende des Raumes gehen, zog allerdings alle Blicke auf sich und wurde von allen Leuten angestarrt.
Wenn man nicht Wählen ging, standen stündlich Leute vor der Tür, die einen darauf hinwiesen, dass man noch nicht gewählt habe und dass man es noch tun müsse. Man wurde also zum „Faltengehen“ gezwungen.

Fall der Mauer
Joachim Gauck schilderte noch die Stimmung, die herrschte, als die Mauer 1989 fiel. Er sagte, dass er überglücklich war und er seine erste Wahl nie vergessen wird. Zudem möchte er niemals eine Wahl verpassen, er sagte, er habe viel zu lang gewartet, um jetzt auf eine freie Wahl zu verzichten. Er wollte uns davon überzeugen, dass die Demokratie der einzige Weg ist, in Freiheit zu leben.

Persönliche Stellungnahmen
Ich persönlich fand es sehr interessant, wie er uns die Geschichte der DDR näher brachte. Die Idee, aus der Sicht von Marie und Paul zu erzählen, fand ich gut. Natürlich spricht er auch über sich. Ich habe seiner Erzählung gebannt zugehört.
Ganz eindeutig herauszuhören war, dass er die Diktatur, die in der DDR herrschte, verabscheute und wirklich glücklich ist, in einer echten Demokratie zu leben. Er machte deutlich, dass die Freiheit und Demokratie die wichtigsten Güter sind, die wir in Deutschland haben. Wir sollten unser Bestes tun, um diese zu erhalten.
Dean M. Eckert, 10c

Was ich persönlich sehr wichtig finde, ist, dass er nie eine Wahl versäumen möchte. Die Begründung für diese Einstellung lieferte er am Schluss seines Vortrags. Er sagte: „Ich werde nie eine Wahl versäumen, da ich viel zu lange nicht wählen konnte.“ Dies fand ich sehr gut, da viele Leute heutzutage nicht mehr wählen gehen, da sie keine Lust und Zeit haben. Sie beschweren sich aber dann über den Ausgang der Wahl und wie die Regierung handelt. Dabei kann man sagen, dass sie selbst schuld daran sind, dass die Regierung so ist, wie sie ist.
Rene Moye, 10c

Biographisches
Joachim Gauck wurde am 24.1.1940 in Rostock geboren und wuchs in der DDR auf. Von 1958 bis 1965 studierte er Theologie in Rostock. 1965 begann er, in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburg zu arbeiten. 1970 wurde er zum Kreis- und Jugendpfarrer in Rostock-Evershagen ernannt. 1982-1990 leitet er die Kirchentagsarbeit in Mecklenburg.
1990 übernahm er die Leitung der nach ihm benannten Gauck-Behörde, welche Sammelstelle für Daten der Stasi ist. Nachdem er 10 Jahre der Gauck-Behörde vorstand, konnte er nicht noch einmal kandidieren.
2010 wurde er als Bundespräsidentschaftskandidat der SPD und der Grünen nominiert. Er unterlag im 3. Wahlgang Christian Wulff, dem Kandidaten von CDU/CSU und FDP.
Joachim Gauck hält diverse Vorträge und veröffentlichte Aufsätze, wie zum Beispiel „Von der Würde der Unterdrückten“.

Text: Dean Eckert, 10c, Schulj. 2010/11
Bilder: Janine Bernard, 10c, Eva-Maria Ahlers-Görlach

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