Keine Lehrerstunden für neue Technik

Von Jörg Fiene

Arbeit mit interaktiven Tafeln – Land lehnt Ausbau des Schulversuchs an der Realschule Maschstraße ab

Ulrich Deissner würde seinen Frust am liebsten auf einer dieser interaktiven Tafeln ganz groß an die Wand werfen. Der Vorsitzende der Bürgerstiftung schüttelt ungläubig den Kopf: Bund und Stadt bestücken 63 Schulen mit elektronischen Tafeln – und das Land verweigert zusätzliche Lehrerstunden.

„Hier wird so viel Geld investiert, und das Land will wegen ein paar Anrechungsstunden nicht die Möglichkeiten der modernen Kommunikation erkennen und vergibt echte Bildungschancen“, klagt Deissner.

Man muss ins Jahr 2007 zurückgehen, um seine Verärgerung zu verstehen. Die Bürgerstiftung hatte damals mit großzügiger Geldgabe – bis heute 150 000 Euro – Kreide und grüne Wandtafeln an der Realschule Maschstraße entbehrlich gemacht. Sie war eine der ersten Schulen, die komplett mit den sogenannten Whiteboards ausgestattet wurden.

Das Land honorierte dereinst den Eifer und den Mut, sich interaktiven Lehrformen zu öffnen, mit der Genehmigung eines Schulversuchs. Denn mit dem Befestigen der Tafel an der Wand war es nicht getan. Wer die technischen Möglichkeiten verfestigen wollte, musste tiefer bohren. Lehrer Markus Kucharek bekam Arbeitszeit dafür gutgeschrieben – zuletzt acht Unterrichtsstunden je Woche.

„Land vergibt Chancen wegen ein paar Stunden“
Zum Sommer nun lief der Versuch aus, und die Schule beantragte in Hannover eine Ausweitung. Klassen sollten mit handlichen Kleincomputern, Netbooks, ausgestattet werden, um auch Gruppenarbeit mit der neuen Technik zu ermöglichen.

„Wir haben festgestellt, dass der Unterricht sehr zentral auf die neuen Tafeln zugeschnitten ist. Wir wollten aber die Möglichkeiten des interaktiven Lernens noch besser erfassen, davon könnten später auch andere profitieren“, erklärt Schulleiter Andreas Hantelmann.

Das Land sagte Nein – und schweigt seither. Seit Monaten warten Schule und Bürgerstiftung auf nähere Erklärungen, auch eine Anfrage unserer Zeitung blieb bis zum Wochenende unbeantwortet.

Deissner fürchtet, dass nun das Potenzial der Millioneninvestitionen von Stadt und Bund nicht gehoben werden kann. Die computergestützten Tafeln erlaubten nämlich den Aufbau von Datenbanken und die Vernetzung – auch mit anderen Schulen. „Das spart Zeit, weil Lehrer von der Arbeit ihrer Kollegen profitieren können. Für den Aufbau und die Pflege der Systeme braucht man aber Personal“, sagt Deissner.

Genau so hat es auch die Technische Universität beurteilt, die das Projekt seit Anbeginn wissenschaftlich begleitet. Mediennutzung, so heißt es da, sei kein Selbstläufer, ein Niveau lasse sich nur halten, wenn dauerhaft daran gearbeitet werde.

Ein Fakt, über den das Land in seiner Ablehnung offenbar hinweggegangen ist. An der Maschstraße fehlen bereits jetzt die Stunden, die Lehrer Markus Kucharek nun nicht mehr mit der neuen Technik, sondern Vollzeit wieder im Unterricht zubringt. „Wir stecken schon jetzt im Stau“, so Hantelmann.

Andere Schulen in der Stadt, die seit kurzem über die neuen Tafeln verfügen, werden gar nicht erst vom seit Jahren angewachsenen Fachwissen Kuchareks profitieren. „Wir haben schon mehrere konkrete Anfragen um Hilfe ablehnen müssen“, bedauert der Schulleiter.

Wegen der Blockadehaltung des Landes, so Deissner, müssten andere Schulen sich mühsam erarbeiten, was an der Maschstraße bereits an Erfahrungen gesammelt worden sei.

Braunschweiger Zeitung, 11.10.2010

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