“My name is Rajib, i come from Majuli”

Im September 2013 starte ich mit dem Flugzeug in Richtung Indien. Ein Jahr Freiwilligendienst liegt vor mir, den ich in einem Land absolvieren werde, das ich nur aus Erzählungen kenne und von dem ich eigentlich nur grob weiß, wo es auf der Karte liegt. In meinem Gepäck ist nicht viel: ein paar T-Shirts, lange Hosen, das Notebook und ein paar Geschenke. Darunter aber immerhin ein Haufen Kugelschreiber, die ich in Deutschland zusammengesucht habe. Vor meinem Abflug hatte ich gefragt, was ich mitbringen könne, worüber sich die Jugendlichen freuen würden. „Kugelschreiber”, war die Antwort des Rektors.

Ich lande in einer Stadt, über die ich nichts weiß, die mitten im Nordosten von Indien liegt. Eine dreckige indische Kleinstadt, ländliches Einzugsgebiet. Die Menschen sind entweder arbeitslos oder arbeiten auf Teeplantagen und Reisfeldern zu Hungerlöhnen. Jede Familie hat zwischen fünf und zehn Kindern, die Perspektiven dieser Kinder sind nicht gut. Das Schulgeld für eine gute Schule können sich viele Eltern nicht leisten, die Menschen leben von der Hand in den Mund. All das erfahre ich erst viel später.

Am zweiten Tag bekomme ich meine Aufgabe zugeteilt. Ich soll mich um 20 Jugendliche kümmern, die alle arbeitslos und frustriert sind und kein Wort Englisch sprechen. „Mach sie fit fürs Berufsleben, Englisch, Computer und was sonst noch so gebraucht wird.“ Mehr umfasst meine Aufgabenbeschreibung nicht.

Also los, ab in die Gruppe, erst einmal nachschauen, mit wem ich es zu tun habe. Mühsam klappt die Verständigung, die Grundlagen in Englisch laufen besser als gedacht. “My name is Rajib, i come from Majuli”, sagt ein Junge. Noch habe ich keine Idee, was dieser Satz wirklich bedeutet.

Nach und nach wird mir klar, es sind nicht einfach nur arbeitslose Jugendliche. Sie kommen aus den rückständigsten Regionen Indiens, leben in Dschungeldörfern in Bambushütten. Was hier als Wohnhaus für eine Familie gilt, würde in Deutschland wohl nicht einmal als Stall genehmigt werden. Abends fehlt der Strom, gerade dann wenn er dringend benötigt würde. Mobilität – Fehlanzeige! Ein Motorrad ist zu teuer, die Straßen sind schlecht und die wenigen Busse, die fahren, brauchen Ewigkeiten.

In der Regenzeit regnet es durch die strohbedeckten Hütten, manche Dörfer sind dann gar nicht mehr erreichbar. Die Menschen dort warten darauf, dass der Regen aufhört, dass ihre Kinder wieder in die Schule gehen können und sie irgendwann einmal einen Job finden. Doch sie warten vergebens. Die meisten Kinder, die hier aufwachsen, brechen die Schule ab, arbeiten auf dem Feld und werden die nächste Generation von Farmern und Arbeitslosen. Auch sie werden darauf warten, dass der Regen aufhört, dass ihre Kinder es einmal besser haben werden.

Ein Strahlen geht durchs Gesicht der Jungen und Mädchen, als sie den Kugelschreiber in die Hand gedrückt bekommen. Denn diese sind wirklich Mangelware hier. Vor einem Jahr wäre das für mich unvorstellbar gewesen. Wie können Kugelschreiber eine Mangelware sein? Wie können Jugendliche noch niemals in ihrem Leben von Facebook, Google oder Obama gehört haben?

Dieses Indien, in dem ich lebe, ist anders. Anders als Bangalore, Mumbai, Chennai und Goa. Die Großstädte sind weit weg – die meisten Menschen hier wissen kaum, wo diese liegen. Sie haben einmal von Callcentern gehört, aber keine Vorstellung, was das wirklich ist. Es fehlt an fast allem. Hier ist Indien noch ein Entwicklungsland. Es ist das in der Globalisierung vergessene Indien.

Text: Manuel Etzold, 24.4.2014

 

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