Flucht aus der DDR

Wir durften ein Interview mit einem Flüchtling aus der ehemaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik) führen. Bis zu seiner Flucht 1961 in den Westen lebte er 20 Jahre in Diedorf in der Nähe von Mühlhausen in Thüringen.

Wo hast du gearbeitet?

In einer kleinen privaten Möbeltischlerei in der ehemaligen DDR.

Warum bist du aus der DDR geflohen?

Nachdem mein damaliger Chef auch nach Westdeutschland geflohen war, wurde der Betrieb zu einem „Volkseigenen Betrieb“ (VEB) umgewandelt. Mit der Verstaatlichung des ursprünglich noch in privater Hand befindlichen Tischlereibetriebes veränderte sich die tägliche Arbeitsweise. Dadurch wurde das Klima schlecht. Das hat viele junge Menschen – auch mich – bewogen, in den Westen zu fliehen.

Wie hast du in der DDR gelebt?

Das Leben war eigentlich gar nicht so schlecht. In Diedorf haben wir Landwirtschaft betrieben und durch diese Selbstversorgung lebten wir recht gut. Das Problem war, dass sich in der Firma vieles geändert hatte, und das war der Grund, die Flucht zu wagen.

Wie hast du es geschafft zu flüchten?

Ich habe meinen Urlaub dafür verwendet. Ich bin mit dem Zug nach Berlin gefahren und dann bin ich mit der S-Bahn von Ost- nach Westberlin gefahren. Vom Flughafen Tempelhof bin ich nach Hannover geflogen.

Ist auf dem Weg alles glatt gelaufen oder gab es Probleme?

Auf dem Weg waren zwar sehr viele Kontrollen. Aber ich hatte Glück, dass die Volkspolizisten nur meine Papiere angeguckt haben. Aber ich musste trotzdem aufpassen und habe deswegen einen Zug genommen, der nicht kontrolliert wurde. Das konnte man sehen, wenn die Polizisten kurz davor Pause machten.

Wie hat es sich für dich angefühlt?

Es war für mich sehr aufregend, da es eine ungewohnte Sache war und ich nicht wusste, ob ich es schaffe, nach Westberlin zu kommen. Immerhin gab es ja sehr viele Kontrollen.

Wie oft hast du versucht zu flüchten?

Das war der einzige Versuch und zum Glück hat es auch sofort geklappt, da ich mir den Plan vorher gut zurechtgelegt hatte.

Hattest du zu dem Zeitpunkt eine eigene Familie und Kinder?

Nein, ich war ledig. Nach meiner Flucht habe ich in Hannover meine eigene Familie gegründet. Dann war auch wieder alles besser für mich. Ich fand Arbeit und eine Wohnung. Ich fühlte mich schließlich auch wohl in der Bundesrepublik.

Hattest du zu deiner Familie in der DDR Kontakt?

Ich habe meine Eltern und meine Schwester 10 Jahre nicht gesehen. Die habe ich schon sehr vermisst, aber ich musste mich daran gewöhnen. Das gilt natürlich auch für meine Arbeitskollegen oder Schulkameraden, die ich nicht besuchen konnte.

Das Interview führten Nadine Seide, Annalena Linke, Kl. 9a, Schulj. 2015/16
Bild: Privatbesitz des Interviewten

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