Zeitzeugin rührt die Realschüler

Schulz-Schüler berichten von ihrer Begegnung mit einer KZ-Überlebenden.
Von den Schülern des Wahlpflichtkurses Deutsch der Klassen 9 und 10 der Realschule Maschstraße

Braunschweig. Michaela Vidláková kommt 1936 als Michaela Lauscherova in Prag zur Welt. Drei Jahre später marschieren deutsche Truppen ein. Es ist der Beginn einer furchtbaren Leidenszeit für jüdische Familien wie der von Michaela Vidláková. Heute ist sie fast 80 Jahre alt und erzählt in Schulen über ihre Erfahrungen zur Zeit des Holocausts – auch in der Realschule Maschstraße. Als die Schüler in die Aula kommen, sitzt Vidláková bereits ruhig und freundlich lächelnd auf einem Stuhl. Von Anfang an herrscht eine sehr emotionale Atmosphäre in der Aula und die Schüler hören konzentriert zu.

Als sie sechs Jahre alt ist, wird Vidláková mit ihren Eltern in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dahin darf sie nur das Nötigste mitnehmen, und dazu gehört ihr Spielzeughund Pluto, den ihr Vater für sie aus Holz hergestellt hat; der rettet ihr und ihren Eltern das Leben. Denn ihr Vater wird wegen seiner guten handwerklichen Fähigkeiten im Ghetto als Zimmermann beschäftigt.
„Ich hatte einen Schutzengel“, stellt Michaela Vidláková fest. Die Sechsjährige erkrankt im Ghetto schwer an Masern, Scharlach und Typhus, und es gibt keine Medikamente. Sie liegt ein Jahr im Krankenhaus. Dort lernt sie einen fünfjährigen Waisenjungen aus Berlin kennen, von dem sie Deutsch lernt und dem sie Tschechisch beibringt. Michaela sieht in ihm den Bruder, den sie nie hatte. Doch nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, sieht sie ihn nicht wieder. Sie vermutet, dass er nach Auschwitz gebracht worden ist.

Viele Monate lebt sie – von ihren Eltern getrennt – in einem Kinderheim in Theresienstadt. Die Kinder dort haben schlecht geheizte Zimmer, nur kaltes Wasser zum Waschen und karges Essen; ab 14 Jahren müssen sie zum Beispiel im Garten arbeiten und die Eltern können die Kinder nur selten abends besuchen, so beschreibt Michaela Vidláková das Leben im Kinderheim. Die Erzieherinnen und die Rabbiner erteilen den Kindern trotz Verbots durch die Nazis Unterricht. Ansonsten spielen, zeichnen, singen und lesen sie. Vor allem aber erleben sie eine tiefe Kameradschaft.

„Theresienstadt war das Vorzimmer des Todes.“
Doch diese vermeintliche Normalität darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Theresienstadt das „Vorzimmer des Todes“ ist, wie Michaela Vidláková diesen Ort nennt. Die Menschen müssen täglich damit rechnen, nach Auschwitz deportiert zu werden.
Als ihr Vater 1944 mit anderen Männern in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht werden soll, überlebt ihre Familie nur durch Glück. Den Häftlingen wird erzählt, dass sie in bessere, größere Lager gebracht werden; ihr Vater glaubt den Nationalsozialisten aber nicht und verbietet seiner Frau und seiner Tochter, sich freiwillig zu melden. In der Nacht, bevor er deportiert werden soll, gibt es einen Sturm und das Dach eines Gebäudes wird abgedeckt. Ihr Vater und zwei andere Männer melden sich freiwillig und führen die Reparaturen durch. Der Zug nach Auschwitz fährt ohne sie ab – und sie überleben.

Nach der Befreiung durch die Alliierten hat die Familie noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen. Zur Zeit des Kommunismus werden viele Juden in der Tschechoslowakei angeklagt, weil ihnen vorgeworfen wird, Zionisten zu sein. Aus Angst, selbst auch angeklagt zu werden, versucht die Familie zu fliehen, sie werden aber verraten und ins Gefängnis gebracht. Doch auch zu dieser Zeit hat Michaela einen Schutzengel, sie und ihre Mutter müssen nicht fünf Jahre, sondern nur ein halbes Jahr ins Gefängnis; ihr Vater statt sieben Jahren nur ein Jahr.

Michaela Vidláková darf nach ihrer Freilassung das Gymnasium nicht besuchen und muss arbeiten. Nebenbei macht sie in einer Abendschule ihr Abitur und bewirbt sich an der Universität, wo sie abgelehnt wird. Sie bewirbt sich aber immer wieder, bis sie schließlich aufgenommen wird. „Ich war ziemlich hartnäckig“, sagt sie in ihrem Vortrag an der Realschule Maschstraße.
Dass Michaela Vidláková – Trägerin des Lothar-Kreyssig- Friedenspreises – über den Holocaust berichtet und sie nach all den Jahren einen Deutschen als Freund umarmen kann, ist für die Schüler bemerkenswert. Mit einem Gedicht von Ilse Weber setzt Michaela Vidláková den Schlusspunkt ihres Vortrags: „Die Welt wird wieder zum Garten.“ Es handelt von der Hoffnung, dass alles gut wird. So sagt sie auch den Jugendlichen zum Abschied: „Alles Gute! Ihr sollt euch nicht an einem Krieg beteiligen müssen.“
Karolina Pavic aus der Klasse 9c richtet sich nach dem Vortrag an Michaela Vidláková mit den Worten: „Ich möchte Ihnen sagen, dass mich Ihre Geschichte sehr mitgenommen hat. Es war ein Erlebnis, denn die Gelegenheit, mit einer Zeitzeugin zu sprechen, hat man nicht oft im Leben.“

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